Die Sonne blendete René, als er mit seiner Reisetasche über die Gangway trat. Die AIDA lag majestätisch im Hafen, das Meer glitzerte, Möwen kreischten, und er konnte kaum glauben, dass er tatsächlich hier war. Eine Woche Kreuzfahrt mit Freunden. endlich mal abschalten, ein bisschen Sonne, ein bisschen Meer.
Er kam aus einer kleinen Stadt, hatte fast fünf Stunden Zugfahrt hinter sich und war froh, endlich seine Kabine zu sehen. Eine kleine Einzelkabine mit Bullauge, schlicht, aber gemütlich. Er ließ sich aufs Bett fallen, atmete tief durch und grinste.
„Na gut“, murmelte er. „Jetzt kann’s losgehen.“
Sein Handy vibrierte, kein Netz. Natürlich. Er seufzte, stellte sich ans Fenster, bis endlich die Balken auftauchten. Dann öffnete er eine App, die er eigentlich schon gelöscht hatte: Grindr. Nicht, weil er jemanden suchte, sondern aus Neugier. Wie viele Queers wohl auf dem Schiff waren?
Er scrollte durch die Profile, lachte über ein paar Fotos, bis er plötzlich stoppte.
Eric, 25. Hamburg. 200 Meter entfernt.
René runzelte die Stirn. 200 Meter? Das konnte nur heißen… einer von hier.
Er öffnete das Profil. Blonde Haare, Blaue Augen und kleiner als die Typen die er sonst so anklickt. Dieses ehrliche, sonnige Lächeln, das einen sofort anzog. Ein weißes Shirt, eine lockere Shorts. Verdammt süß, dachte René und drückte auf das kleine Flammensymbol.
Er ging ins Theatrium und schaut sich ein wenig auf dem Schiff um. Wenige Sekunden später vibrierte sein Handy. Flamme erhalten.
René sah auf und da war er. Kein Zweifel. Eric stand ein paar Meter weiter, am Geländer, das Handy in der Hand. Sie sahen sich direkt in die Augen. Eric grinste. René spürte, wie seine Wangen heiß wurden und drehte sich hastig um.
Er ging schnellen Schrittes den Gang entlang, als hätte er gerade was Verbotenes getan.
Wenige Minuten später vibrierte das Handy wieder.
Eric: Hey. Du hättest nicht weggehen müssen. Dein Lächeln ist cute.
René: Ähm… danke Ich wusste nicht, dass du mich gesehen hast.
Eric: Schwer zu übersehen
René: Du bist also auch auf dem Schiff?
Eric: Jep. Gerade erst eingecheckt. Wohne in Hamburg, war also leicht
René: Luxus. Ich saß fünf Stunden im Zug…
Eric: Das nenn ich Einsatz
René: Haha, ja… ich bin mit Freunden hier, aber hab ’ne Einzelkabine.
Eric: Ich auch. Ist manchmal ganz angenehm.
René: Ja, total.
Eric: Also… ich weiß, das klingt direkt komisch, aber… ich mag dein Vibe. Offen, ehrlich, bisschen nervös vielleicht
René: Erwischt
Eric: Kein Grund. Ich bin genauso.
René: Ach ja? Du wirkst total locker.
Eric: Ich tu nur so.
Ein paar Minuten Pause. Dann:
Eric: Hast du Lust, dich auf nen Drink zu treffen? Oder… einfach kurz quatschen?
René: Vielleicht lieber bei mir. Ich bin nicht so der Bar-Mensch
Eric: Bei dir klingt gut. Kabine 6247, richtig?
René: …Woher weißt du das?!
Eric: Spaß. Schick mir deine Nummer, dann find ich dich.
Eine halbe Stunde später kurz bevor Eric bei René ankommt.
René saß auf dem Bett, starrte in den Spiegel. Seine Hände waren eiskalt. Er hatte Parfum aufgelegt, dreimal die Haare gerichtet, das Bett halb gemacht und wieder verworfen.
Dann klopfte es. Einmal. Zweimal.
Er öffnete.
Eric stand da, grinste. „Hi.“
„Hi.“
Eine Sekunde Stille. Dann lachten beide.
„Ich bin irgendwie… nervös“, gestand René.
„Ich auch“, antwortete Eric und trat näher.
Sie redeten kurz über den Tag, das Schiff, die Aussicht. Doch irgendwann wurde es still. Eric sah ihn an, nur einen Moment zu lang und küsste ihn dann einfach.
Erst zögerlich, dann intensiver. Ein leises Lachen zwischen den Küssen, ein bisschen Chaos, eine umgekippte Wasserflasche, ein verheddertes Shirt, zwei klopfende Herzen. Es war echt, unperfekt, irgendwie süß.
Und als die Sonne langsam unterging, hörte man nur noch das leise Rauschen der Wellen. Und die beiden verschwand zusammen unter der Bettdecke….
Nachdem die zwei fertig waren wurde es kurz etwas still. Eric lehnte nackt am Bett und grinste. „Ich geh schnell duschen… willst du mitkommen?“
René zögerte. „Ja… gerne.“
Unter der Dusche war das Wasser heiß, der Dampf beschlug die Glastür. Sie standen nebeneinander, etwas unsicher, aber entspannt.
„Warum bist du eigentlich hier?“, fragte Eric.
„Freunde haben mich überredet. Ich war noch nie auf so einem Schiff.“
„Und, gefällt’s dir?“
„Ja. Ich glaub, ich hab’s gebraucht. Einfach mal raus. Kein Stress, kein Smalltalk mit Leuten, die mich schräg anschauen, weil ich schwul bin.“
Eric nickte. „Same here. Nur dass ich’s diesmal für mich mach. Kein Coming-out-Drama, keine Erwartungen. Einfach Meer und Sonne.“
„Klingt gut.“
„Und Sex, offensichtlich.“
René lachte. „Ja… der war ungeplant.“
„Aber schön.“
„Ja“, sagte René leise. „Sehr sogar.“
Sie standen kurz still, hörten das Wasser prasseln. Dann fragte Eric:
„Glaubst du, man kann jemanden auf ’nem Schiff kennenlernen… und es fühlt sich echt an?“
„Keine Ahnung“, antwortete René ehrlich. „Ich dachte, das hier wäre nur Spaß. Aber irgendwie…“
„Irgendwie ist da mehr?“
„Vielleicht.“
Ein kurzer Blick. Ein ehrliches Lächeln.
Sie zogen sich an, beide verlegen, beide lächelnd.
„Also… äh…“, begann Eric.
„Ich schreib dir, ja?“
„Mach das.“
Sie sahen sich an und bevor einer was sagen konnte, küssten sie sich. Kein langer Kuss, kein Filmmoment. Einfach echt, warm und nah.
Dann drehte sich Eric um, winkte noch einmal und verschwand im Flur.
René lehnte sich gegen die Tür, atmete tief durch und lächelte.
Verdammt. Er ist süß.
Aber nein, er durfte nicht mehr wollen. Das war nur eine Begegnung, nicht mehr.
Oder?
Er lächelte, griff nach seinem Handy und sah, dass Eric schon geschrieben hatte:
Eric: Ich glaub, du bist gefährlich. Im guten Sinn.
René tippte zurück, das Herz klopfend:
René: Du hast keine Ahnung, was du da angefangen hast.
Das Meer rauschte sanft gegen den Schiffsrumpf, während René sich noch einmal kurz im Spiegel musterte. Er grinste, unauffällig, aber doch deutlich. Was machst du da eigentlich, René?
Zwei Stunden war er in seiner Kabine gewesen. Zwei Stunden mit Eric. Und auch wenn es nicht geplant war, es war passiert. Und es hatte sich… verdammt gut angefühlt.
Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus den Gedanken. „René!“, rief Jessi von draußen. „Wir gehen jetzt essen, kommst du?“
„Ja, bin gleich da!“, rief er zurück, sprühte noch etwas Deo auf, vielleicht zu viel und machte sich auf den Weg ins Bella Donna, das Buffet-Restaurant des Schiffs.
„Na endlich!“, rief Isabell, als er sich an den Tisch setzte. „Wir dachten schon, du bist über Bord gegangen.“
„War nur kurz spazieren“, sagte René und griff schnell zum Besteck.
Jessi schnupperte demonstrativ in der Luft. „Spazieren? Aha. Und dabei plötzlich ein neues Parfum gefunden?“
„Was?“
„Na, du riechst anders. Frischer. So… sexy anders.“
René spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. „Blödsinn.“
Isabell lachte. „Also bitte. Zwei Stunden weg, kommt grinsend zurück, riecht wie frisch geduscht, ich sag’s dir, Jessi: Da war jemand im Spiel.“
„Nein, Quatsch…“, versuchte René sich rauszureden, aber sein Lächeln verriet ihn.
„RAUS MIT DER SPRACHE!“ beide sagten es gleichzeitig, fast synchron.
René stöhnte und ließ die Gabel fallen. „Na gut. Ich habe jemanden kennengelernt.“
„WAS?!“, kreischten die beiden fast gleichzeitig.
„Hier? Auf dem Schiff?“
„Wie?“
„Wer?“
„Eric“, murmelte René. „Wir haben uns über Grindr gesehen… und dann irgendwie… naja getroffen.“
Isabell stützte das Kinn auf die Hände. „Und? Was ist passiert?“
„Nichts… also… schon was.“
Jessi grinste. „Oh Gott, du hast’s wirklich getan!“
René schob die Nudeln auf dem Teller hin und her. „Ja, okay. Wir waren bei mir. Und… ja. Es war schön. Etwas unbeholfen, aber… ehrlich. Danach waren wir zusammen duschen und haben geredet.“
„Geredet?!“
„Ja! Über das Leben, unsere Reisen, alles Mögliche. Er ist echt… cool.“
Jessi zwinkerte. „Aha, cool. Und süß, oder?“
René grinste nur. „Ja. Ziemlich.“
„Und wie geht’s weiter?“, fragte Isabell neugierig.
„Weiß ich nicht“, sagte René ehrlich. „Ich habe keine Ahnung. Ich will mir nichts einbilden.“
Bevor eine der beiden antworten konnte, vibrierte sein Handy.
Eric: Hey du. Hatte eben WLAN, Insta geht besser als Chat hier. Willst du da schreiben?
René: Klar. Schreib mir: @chaosrene
Eric: Gefunden. Du siehst auf den Bildern genauso süß aus wie in echt.
René: Du bist unmöglich.
Eric: Ich weiß. Sag mal, gehst du heut Abend auch in den Beach Club? Party auf Deck 15?
René: Wollte eigentlich mit meinen Freundinnen dahin.
Eric: Perfekt. Dann sehen wir uns da
René legte das Handy weg, konnte aber das Grinsen nicht verbergen.
„Wer schreibt da?“, fragte Jessi, gespielt ahnungslos.
„Niemand“, sagte René, und die beiden lachten laut.
Später, gegen 22 Uhr. Die Sonne war längst untergegangen, das Meer funkelte im Schein der Scheinwerfer, Musik vibrierte durch den Beach Club.
„Cocktails zuerst!“, rief Isabell und schnappte sich zwei Gläser. René nahm einen Mojito, versuchte, sich zu entspannen, doch innerlich war er aufgeregt wie ein Teenager.
„Oh, wie schön das ist!“, rief Jessi und drehte sich im Takt der Musik.
René wollte gerade mitlachen, da sah er ihn. Eric. Er stand keine drei Meter entfernt, Jeansshorts, weißes Shirt, wieder dieses unfassbar echte Lächeln.
René blieb stehen, völlig überrascht. Eric trat zu ihm, grinste und sagte nichts. Stattdessen nahm er einfach seine Hand und zog ihn mit auf die Tanzfläche.
Die Musik war laut, die Lichter bunt, die Atmosphäre leicht. Sie tanzten, eng, aber nicht aufdringlich, lachten, sahen sich immer wieder an.
Jessi tippte Isabell an. „Ich sag’s dir. Das ist er.“
„Mhm“, grinste Isabell. „Sieht man sofort.“
Nach ein paar Liedern kamen die beiden dazu, und René stellte Eric vor.
„Das sind Jessi und Isabell, meine zwei besten Freundinnen.“
„Freut mich!“, sagte Eric charmant. „Ihr habt da einen echt tollen Typen als Freund.“
„Das wissen wir“, grinste Jessi. „Aber sag du uns mal, was du vorhast mit ihm?“
Eric lachte. „Nur tanzen. Vielleicht reden. Ich bin harmlos.“
„Noch“ flüsterte Isabell, und alle lachten.
Nach einer Weile wurde die Musik ruhiger. Eric beugte sich zu René. „Kommst du mit in meine Kabine?“
René hob eine Augenbraue. „Oh? Schon wieder?“
Eric lachte leise. „Hehe nein, nicht sofort Sex, wie du wieder denkst. Ich würde dich einfach gern besser kennenlernen. Du hast was an dir, das macht mich neugierig.“
René grinste, schüttelte den Kopf. „Okay. Ich komm mit.“
„Na endlich!“, flüsterte Jessi hinter ihm. „Viel Spaß, aber wehe du erzählst uns morgen nichts!“
Die Kabine von Eric war etwas größer, modern eingerichtet, mit Blick aufs Meer. Der Mond spiegelte sich im Wasser.
„Schön hier“, sagte René leise.
„Ja“, sagte Eric. „Aber mit dir ist’s schöner.“
Sie setzten sich aufs Bett, tranken noch ein Glas Wasser, redeten, erst über belanglose Dinge, dann immer tiefer.
Über ihre Hobbys, Reisen, Kindheitserinnerungen und Musik.
„Ich wollte eigentlich immer Grafikdesigner werden“, erzählte René. „Aber in meiner Stadt denkt jeder, dass das kein richtiger Job ist.“
Eric nickte. „Kenn ich. Ich arbeite in ’nem Café, aber eigentlich will ich Musik machen. Nur fehlt mir oft der Mut.“
„Mut“, wiederholte René nachdenklich. „Ich glaub, davon könnten wir beide mehr gebrauchen.“
Eric lächelte. „Oder einfach den richtigen Menschen, der einem Mut gibt.“
Stille.
Dann mussten beide gleichzeitig lachen, aus Verlegenheit, aber auch, weil es sich richtig anfühlte. Ihre Blicke trafen sich, lang und intensiv. Und dann, ohne Absprache, küssten sie sich.
Diesmal war es kein spontaner Moment, kein impulsiver Drang. Es war weich, echt, ehrlich. Eric legte die Hand an Renés Wange, René spürte das Pochen seines Herzens, alles andere verschwamm. Ein Kuss, der blieb. Langsam legte René sich in Erics Arme. Das Meer rauschte draußen, irgendwo lachte jemand auf dem Flur, und doch war es, als wären sie allein auf der Welt. Eric strich ihm durchs Haar. „Du bist anders, René.“ „Und du bist gefährlich“, flüsterte René zurück. Sie lächelten beide und ließen die Nacht einfach so sein, wie sie war: ruhig, ehrlich, voller Nähe.
Das leise Rauschen des Meeres drang durch das Bullauge. Die Sonne zeichnete helle Linien auf die Bettdecke, und irgendwo im Flur klapperte jemand mit einem Tablett. René öffnete langsam die Augen. Es dauerte einen Moment, bis er verstand, wo er war. Nicht in seiner Kabine. Neben ihm lag Eric, ruhig atmend, leicht zerzauste Haare, die Decke halb über die Schulter gezogen. Für einen Augenblick lag René einfach nur da und sah ihn an. Alles war still, fast zu still, als würde das Schiff selbst den Atem anhalten.
„Morgen“, murmelte Eric, ohne die Augen zu öffnen.
René lächelte automatisch. „Morgen.“
Eric blinzelte, drehte sich zu ihm und grinste verschlafen. „Das war eine ziemlich gute Nacht.“
„Ja“, sagte René leise, „das war sie.“
Einen Moment lang schwiegen beide. Dann fragte Eric mit einem Lächeln, das gleichzeitig unsicher und echt war: „Und… was machen wir jetzt damit?“
René verstand sofort, was er meinte. „Ich weiß nicht. Ich habe eigentlich nicht vorgehabt, jemanden kennenzulernen. Und jetzt… lieg ich hier bei dir und frag mich, ob das einfach nur ein schöner Moment war oder… mehr.“
Eric drehte sich auf den Rücken und sah an die Decke. „Ich habe auch nicht gesucht. Ich wollte einfach raus, Sonne, Meer, bisschen Spaß. Aber dann warst du da. Und jetzt ist’s komplizierter als gedacht.“
René lachte leise. „Kompliziert trifft’s.“
„Ich habe keine Ahnung, was das hier ist, René“, sagte Eric ehrlich. „Aber ich weiß, dass es sich gut anfühlt.“
René nickte. „Ja. Das tut’s.“
Für eine Weile sagten sie nichts mehr. Nur das Brummen der Klimaanlage und das ferne Rauschen des Wassers erfüllten den Raum. Dann richtete Eric sich langsam auf. „Komm. Lass uns duschen gehen. Vielleicht hilft’s beim Denken.“
René grinste. „Zusammen?“
Eric zog eine Augenbraue hoch. „Natürlich. Ich verschwende doch kein heißes Wasser.“
Beide lachten, und kurz darauf stand René wieder in diesem kleinen Bad, das inzwischen seltsam vertraut wirkte. Der Dampf legte sich auf den Spiegel, während sie unter dem warmen Wasser standen. Keine Unsicherheit mehr, keine Eile. Nur Nähe.
„Ich mag’s, wenn du lachst“, sagte Eric plötzlich, als er ihm das Wasser aus dem Gesicht wischte.
René lächelte. „Dann gib mir halt öfter Gründe dazu.“
„Wird gemacht“, antwortete Eric mit einem Grinsen und in dem Moment fühlte es sich so leicht an, als gäbe es keine Fragen, keine Zweifel, nur sie und das Wasser.
Nach der Dusche zogen sie sich an und gingen gemeinsam zum Frühstück. Auf der Terrasse des Restaurants wehte eine leichte Brise, das Meer funkelte, und die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser. Zwischen Croissants, Obst und Kaffee saßen sie sich gegenüber und redeten, als würden sie sich schon ewig kennen.
„Was steht heute bei dir an?“, fragte Eric und nahm einen Schluck Kaffee.
„Ich hab mit meinen Freunden eine Jetski-Fahrt gebucht“, antwortete René. „Wir wollten das unbedingt mal machen.“
„Klingt nach Abenteuer“, grinste Eric. „Ich geh mit meinen Mädels in die Stadt. Shoppen, Kaffee trinken, bisschen Sightseeing. Ich hoffe, das Wetter hält.“
„Wird schon“, sagte René. „Und heute Abend?“
Eric lehnte sich zurück. „Vielleicht… sehen wir uns wieder?“
René nickte. „Ich würde mich freuen.“
Eine Weile sprachen sie weiter, lachten über Kleinigkeiten, planten gedanklich schon das nächste Frühstück, bis plötzlich eine leise Stille zwischen ihnen entstand. Sie sahen sich an, und beide spürten, dass es sich fast anfühlte, als würden sie gemeinsam reisen. Als wären sie ein Paar. Nur, dass sie es nicht waren.
„Komisch, oder?“, sagte René leise. „Wie sich das hier anfühlt.“
„Ja“, antwortete Eric. „Fast so, als wärst du schon Teil meiner Reise.“
„Bin ich aber nicht.“
„Noch nicht“, erwiderte Eric mit einem Zwinkern, und René musste lachen.
Nach dem Frühstück standen sie auf, liefen gemeinsam bis zum Treppenhaus. „Also… bis später?“, fragte Eric.
„Bis später“, sagte René und trat einen Schritt näher. „Und versprich mir, du isst was Anständiges in der Stadt.“
„Und du versprichst mir, dass du beim Jetski nicht vom Ding fällst.“
René lachte. „Ich geb mein Bestes.“
Sie küssten sich kurz, ein sanfter, warmer Kuss, dann lösten sie sich voneinander. Eric blieb noch einen Moment stehen und sah ihm nach, als René den Gang entlangging.
Wenig später traf Eric auf Jessi und Isabell im Theatrium. Beide sahen ihn an wie zwei Detektivinnen kurz vor der Auflösung eines Falls.
„Na?“, fragte Isabell mit einem breiten Grinsen. „Wie war’s?“
Eric zog die Augenbrauen hoch. „Wie’s wohl war.“
Jessi kicherte. „Oh, das klingt nach mehr als Smalltalk!“
„Es war… ehrlich gesagt ziemlich schön“, gab Eric zu. „Nicht perfekt, aber echt. Ich weiß nicht, was das wird, aber es war richtig.“
„Du hast dich verknallt“, stellte Isabell fest, als wäre es das Offensichtlichste der Welt.
„Vielleicht“ sagte Eric leise. „Ich mag, wie er lacht. Wie er denkt. Wie er riecht. Alles an ihm.“
Jessi legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Dann genieß es. Sowas passiert nicht oft. Und wer weiß, vielleicht hält’s ja über die Reise hinaus.“
Eric lächelte. „Vielleicht.“
Sie stiegen die Gangway hinunter, die Sonne brannte warm auf die Holzplanken, Möwen kreisten über dem Hafen. Da vibrierte Erics Handy. Ein Snap von René.
Er öffnete ihn, René vor dem Spiegel, in einer blauen Badehose, das Handy leicht schräg gehalten, ein selbstbewusstes, aber ehrliches Lächeln auf den Lippen.
Darunter stand:
„Bereit fürs Jetski. Hab dich lieb “
Eric blieb stehen und starrte auf das Display. Er konnte gar nicht anders, er grinste.
„Oh mein Gott“, sagte Isabell, als sie das sah. „‚Hab dich lieb‘. Schon so weit?“
Eric atmete tief durch, das Lächeln blieb. „Ich glaub… ich fühl’s auch.“
Sie gingen weiter durch, bis sie in der Altstadt angekommen sind. Vorbei an Cafés, Boutiquen und kleinen Straßenmusikern. „Was willst du von ihm?“, fragte Jessi nach einer Weile.
Eric überlegte. „Ich will ihn kennenlernen. Richtig. Nicht nur diesen Urlaubs-René, sondern den, der er wirklich ist. Ich will wissen, wie er ist, wenn’s nicht perfekt läuft. Ich will wissen, ob das hier echt sein kann.“
„Dann mach’s“, sagte Isabell. „Lass es einfach passieren. Vielleicht fängt das, was bleibt, genauso an, zufällig.“
Eric nickte langsam. „Vielleicht hast du recht.“
Sie blieben vor einem kleinen Café stehen, bestellten Cappuccino, lachten, machten Fotos. Für einen Moment war alles leicht, bis Erics Handy wieder vibrierte. Eine neue Nachricht von René.
„Kleines Problem… erklär ich dir später…“
Eric runzelte die Stirn, wollte gerade antworten, doch die Nachricht blieb hängen.
Er sah hinaus aufs Meer, wo die Sonne im Wasser glitzerte, und plötzlich spürte er ein Ziehen in der Brust. Etwas war anders.
Er wusste nur noch nicht, was.
Eric saß mit Jessi und Isabell im kleinen Straßencafé am Hafen. Die Sonne spiegelte sich im Wasser, Möwen kreisten über ihnen, und auf dem Tisch standen drei halb geleerte Cappuccinos. Eigentlich war alles perfekt, nur in ihm drin war Unruhe. „Kleines Problem… erklär ich dir später…“, hatte René geschrieben. Danach war Funkstille. Kein WLAN, keine Antwort, kein Zeichen.
„Du starrst jetzt seit zehn Minuten auf dein Handy“, stellte Isabell fest.
Eric sah auf. „Ich will einfach wissen, was passiert ist. ‚Kleines Problem‘ klingt irgendwie nicht klein.“
„Du kennst ihn kaum zwei Tage und machst dir schon Sorgen“, neckte Jessi, aber in ihrer Stimme lag Wärme.
„Ja, und?“, erwiderte Eric leise. „Er ist mir wichtig. Ich kann’s nicht erklären. Es fühlt sich… anders an.“
„Anders gut?“, fragte Isabell.
„Ja. Er hat so eine ehrliche Art. Kein Showgehabe. Wenn er lacht, dann echt.“
Jessi nahm einen Schluck Kaffee. „Wenn das Schicksal euch mitten auf’m Meer zusammenbringt, dann findet es auch an Land Wege. Und falls nicht, genieß wenigstens die Zeit.“
Eric lächelte matt. „Vielleicht hast du recht.“
Sie schlenderten später durch die engen Gassen, die Luft roch nach Salz und Zimt, und Eric versuchte, sich abzulenken. Doch jedes Mal, wenn ein Jetski über das Wasser schoss, musste er an René denken. Er stellte sich vor, wie dieser gerade lachte, nass vom Spritzwasser, die Sonne im Gesicht und er musste unwillkürlich lächeln.
Als sie am Nachmittag wieder an Bord gingen, vibrierte endlich sein Handy. Eine Nachricht.
René: „Bin wieder an Bord. War nichts Schlimmes. Mein Freund David ist beim Jetski vom Teil gefallen, bisschen Chaos. Alles gut. Ich brauch jetzt dringend ’nen Drink.“
Eric atmete tief auf und grinste.
Eric: „Dann trink ich mit. 19:00 Uhr Beach Club?“
René: „Deal. Ich bin dabei.“
Der Abend kam mit warmem Wind und einem goldenen Schimmer über dem Meer. René trat auf das Oberdeck hinaus, das Licht der sinkenden Sonne legte sich weich über seine Haut. Er sah Eric sofort, an der Reling, Drink in der Hand, das Gesicht der Sonne zugewandt. Als Eric ihn bemerkte, leuchtete sein Ausdruck auf. Kein großes Winken, kein übertriebenes Hallo, nur dieser Blick, der sagte: Da bist du ja.
„Na, der Jetski-Held“, grinste Eric.
René lachte. „Held trifft’s nicht. Eher chaotischer Lebensretter.“
„Musstest du David retten?“
„Ja, der ist vom Jetski gefallen, als wär’s ein Fahrrad. Ich hatte kurz nen Herzstillstand.“
„Gut, dass dir nichts passiert ist. Ich habe mir Sorgen gemacht.“
„Wirklich?“
„Ja. Ich habe mir vorgestellt, du sitzt jetzt irgendwo beim Buffet mit irgendeinem Typen.“
„Du bist unmöglich.“
„Ich weiß. Aber wenigstens ehrlich.“
Sie lachten, bestellten Cocktails und ließen sich am Pool nieder. Das Wasser glitzerte, das Licht spiegelte sich auf ihren Gesichtern und für einen Moment war alles ruhig.
„Ich habe gemerkt, wie sehr ich dich mag“, sagte Eric schließlich, fast beiläufig.
René blinzelte überrascht. „Nach drei Tagen?“
„Ja. Und du?“
René sah hinaus aufs Meer. „Ich auch. Aber es macht mir Angst.“
„Warum?“
„Weil das hier zu schön ist. Zu perfekt. Ich kenn das, sowas vergeht schnell.“
Eric schüttelte den Kopf. „Dann lass es echt werden. Nicht perfekt, aber echt.“
Sie sahen sich an, und keiner sprach mehr. Worte wären zu wenig gewesen.
Später gingen sie Hand in Hand nach vorne zum Bug. Der Wind wurde stärker, das Meer dunkel und grenzenlos. Eric stellte sich hinter René, legte die Arme um ihn.
„Weißt du, ich wollte auf dieser Reise niemanden treffen. Nur Sonne, Musik, Ruhe. Und dann kommst du, mitten auf’m Schiff, und plötzlich ist alles anders.“
René lächelte. „Ich glaub, das Schicksal hat Humor.“
„Oder Geschmack“, flüsterte Eric und küsste ihn auf die Wange.
Sie standen so da, sahen in die Nacht, und René sagte leise: „Und wenn das hier endet?“
„Dann schauen wir, was bleibt.“
„Und wenn nichts bleibt?“
„Dann war’s trotzdem echt.“
René drehte sich zu ihm um, legte ihm die Hände an den Nacken. „Ich mag, wie du denkst.“
„Ich mag, wie du mich ansiehst.“
„Und ich mag, dass ich das hier nicht beenden will.“
Sie küssten sich. Langsam, intensiv, ehrlich. Der Wind rauschte, das Meer glitzerte, und alles andere verlor Bedeutung.
Die letzten Tage vergingen wie im Rausch. Sie frühstückten zusammen, lagen am Pool, erzählten sich Geschichten aus ihrer Kindheit, machten Fotos, lachten über belanglose Dinge. Abends saßen sie am Heck, wo kaum jemand war, und redeten über Träume und Zukunft.
„Ich wollte immer mal wegziehen“, sagte René eines Abends. „Einfach irgendwohin, wo mich keiner kennt.“
„Und warum tust du’s nicht?“
„Weil ich nie wusste, wohin.“
„Vielleicht weißt du’s jetzt.“
„Hamburg also?“
„Könnte sein. Ist groß genug für uns zwei.“
René lächelte nur, und sie sahen schweigend aufs Meer hinaus.
Am letzten Morgen weckte sie die Durchsage. „Liebe Gäste, wir erreichen in Kürze den Hamburger Hafen…“ René blieb noch liegen, halb wach, halb träumend. Eric kam aus dem Bad, das Handtuch um die Hüfte, die Haare feucht.
„Na, ausgeschlafen?“
„Geht so. Ich will nicht, dass’s vorbei ist.“
„Ich auch nicht. Aber vielleicht ist’s gar kein Ende. Vielleicht ist’s der Anfang.“
René setzte sich auf, suchte Erics Blick. „Wenn wir’s wollen.“
„Ich will’s.“
„Dann ich auch.“
Später, auf dem Deck, herrschte Chaos. Koffer rollten, Lautsprecher riefen Namen, Möwen kreisten über dem Hafen. René stand mit seiner Tasche an der Reling, sah auf die Skyline. Eric trat neben ihn, legte seine Hand in die von Rene. „Ich will dich wiedersehen.“
„Dann tu’s.“
„Versprichst du, dass du kommst?“
„Ich verspreche es.“
Sie küssten sich, mitten im Trubel. Kein langer, kein filmreifer Kuss, einfach echt, voller Wärme. Dann gingen sie getrennte Wege, beide mit einem leisen Lächeln und einer stillen Hoffnung.
Zwei Wochen später stand René am Hauptbahnhof Hamburg. Der Wind roch nach Regen, die Luft war frisch. Er suchte die Menge ab, bis er ihn sah, Eric, wartend am Gleis, das gleiche offene Lächeln wie damals auf dem Schiff.
René lief auf ihn zu, sie umarmten sich fest. „Zwei Tage, oder?“, fragte René.
„Zwei Tage“, sagte Eric, doch beide wussten, dass das nicht stimmen würde.
Sie spazierten durch die Speicherstadt, fuhren Boot, aßen Fischbrötchen, redeten, lachten, ließen die Zeit einfach fließen. Was als Wochenende geplant war, wurde zu einer Woche.
Eines Abends saßen sie auf Erics Balkon, eingehüllt in eine Decke, die Lichter der Stadt spiegelten sich in der Elbe. „Ich will das nicht verlieren“, sagte Eric leise. René lehnte sich an ihn. „Dann verlieren wir’s nicht.“
„Willst du’s wirklich versuchen?“
„Ich bin nicht hier, um zu zweifeln.“
Eric sah ihn lange an, dann zog er ihn näher. „Dann versuchen wir’s.“
Sie blieben noch lange so sitzen, während die Nacht sich über Hamburg legte. Keine laute Liebeserklärung, keine Versprechen für die Ewigkeit, nur zwei Menschen, die sich fanden, obwohl sie gar nicht gesucht hatten.
Draußen fuhr ein Schiff über die Elbe. Vielleicht das gleiche, auf dem sie sich begegnet waren. Aber diesmal waren sie keine Passagiere auf getrennten Reisen mehr. Diesmal fuhren sie gemeinsam.

