Zwischen uns – Neuanfang

Vorwort

Diese Geschichte ist für mich etwas ganz Besonderes. Normalerweise halte ich mein Privatleben aus meinem Autor dasein heraus, doch dieses Mal fühlt es sich anders an. Dieses Mal muss es Platz finden. Auch ich mache Fehler. Fehler, die man nicht einfach rückgängig machen kann. Fehler, die bleiben. Und genau diese Gefühle, diese Gedanken und diese Reue tragen diese Geschichte in sich. Therapie und viele Gespräche haben mir geholfen, Dinge zu verstehen, einzuordnen und anders auf mich selbst zu schauen. Trotzdem gibt es da diese eine Lücke in meinem Herzen. Eine, von der ich glaube, dass sie nie ganz verschwinden wird.

Und genau daraus ist diese Geschichte entstanden.

Leon

Der Jahreswechsel fühlte sich in diesem Jahr anders an, Elias hat sich von mir getrennt und ich bin selbst schuld daran.

Wir hatten soviel geplant, wollten gemeinsam die Welt bereis und an Ostern wollten wir mit unserer Familie ein großes Frühstück machen mit beiden Familien zusammen. Ich dacht immer, wir wären für immer und nichts könne uns trennen. Das ich selbst der Grund werden würde, habe ich immer außer Acht gelassen. Appropp Ostern … das war nie einfach immer nur ein Fest für mich. Es war immer auch ein Tag voller Nachrichten, spontaner Treffen und diesem leichten Kribbeln, wenn man wusste, dass man nicht allein ist. Mittendrin war immer er gewesen, Elias. Mit seinem Lächeln, das alles ein bisschen heller gemacht hat. Jetzt wusste ich, ich würde an Ostern alleine dort sitzen und merken, wie still es geworden war. Nicht nur um mich herum, sondern vor allem in mir. Obwohl ich wusste, dass es mir nicht guttat, scrollte ich immer wieder durch unsere alten Chats. Las Nachrichten, die irgendwann kürzer geworden waren, distanzierter, bis sie schließlich ganz aufgehört hatten.

Elias hat sich nicht von mir getrennt, weil irgendwer fremdgegangen war. Sondern weil ich ihn über Wochen und Monate hinweg immer mehr von mir weggeschoben hatte, ohne es wirklich zu merken. Ich habe mich selbst wichtiger genommen als ihn. Meine Erwartungen waren lauter als seine Gefühle und immer wieder hatte ich ihn in Situationen gedrängt, in denen er sich erklären musste, rechtfertigen musste, kleiner gemacht wurde, obwohl er mir eigentlich nur nahe sein wollte. Ich habe unsere Beziehung mit meinen Zwangsstörungen und meinem Kontrollwahn beendet, obwohl das nie gewollt war.

Ich war nie überfordert gewesen. Ich war unfair gewesen. Und ja … ich war ein Depp.

Als die Einladung zu der Party kam, starrte ich lange auf mein Handy, weil ich eigentlich wusste, dass ich nicht hingehen sollte. Dass es zu viele Erinnerungen und zu viele Möglichkeiten gab, ihm dort zu begegnen. Doch am Ende sagte ich zu. Vielleicht, weil ein Teil von mir hoffte, ihn genau dort wiederzusehen, oder vielleicht, weil ich es leid war, immer nur vor allem davonzulaufen.

Elias

Die Zeit nach der Trennung hatte sich für mich anfangs angefühlt wie ein Zustand zwischen Stillstand und Überforderung, als hätte jemand mein Leben pausiert, während die Welt sich weiterdrehte. Dabei musste ich erst wieder lernen, meinen eigenen Rhythmus zu finden. Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Leon war nicht nur mein Freund gewesen, sondern ein fester Bestandteil meines Alltags, meiner Gedanken, und meiner Zukunftspläne. Als ich schluss gemacht hatte und er nicht mehr da war, blieb eine Leere zurück, die sich nicht einfach mit Ablenkung füllen ließ. Egal wie sehr ich es versuchte. Aber die Wahrheit war auch, dass ich irgendwann gehen musste, weil ich mich selbst in dieser Beziehung verloren hatte. Ich hatte immer mehr angefangen, mich anzupassen, leiser zu werden, Dinge runterzuschlucken, die eigentlich hätten ausgesprochen werden müssen. Nur um keinen Streit zu provozieren, nur um ihn nicht zu verlieren, und genau dabei hatte ich mich selbst fast verloren.

Also bin ich gegangen. Nicht, weil ich ihn nicht mehr geliebt habe, sondern weil ich mich wieder lieben musste. Und irgendwann begann sich etwas zu verändern, ganz langsam, als ich wieder mehr Zeit mit Freunden verbrachte, mich auf Gespräche einließ, die nichts mit der Vergangenheit zu tun hatten, und begann, mich selbst wieder wahrzunehmen. Ich lernte wieder zu lachen, und auch wenn es immer noch Momente gab, in denen ich ihn vermisste, war es nicht mehr nur Schmerz, sondern auch die Erinnerung daran, dass das, was wir hatten, einmal schön gewesen war.

Als ich von der Party hörte, zögerte ich, weil ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit groß war, ihm dort zu begegnen. Ich war mir nicht sicher, ob ich bereit war, ihm wieder gegenüberzustehen, aber ich entschied mich trotzdem hinzugehen. Nicht für ihn, sondern für mich, weil ich spüren wollte, dass ich stark genug war, mein Leben weiterzuleben. Egal, ob er Teil davon war oder nicht.

Leon

Als ich den Raum betrat, suchten meine Augen ihn fast automatisch. Ich hatte mir fest vorgenommen, genau das nicht zu tun. Ich wollte einfach nur reingehen, ein paar Leute begrüßen und mich irgendwo dazustellen. Ich wollte nicht direkt wieder in das reinlaufen, was ich eigentlich vermeiden wollte.

Aber es funktionierte nicht. Noch bevor ich richtig im Raum angekommen war, hatte ich ihn schon gefunden. Am anderen Ende. Zwischen all den Menschen. Er stand mitten in einer Gruppe, lachte und wirkte völlig entspannt. Es sah glücklich aus. So, als hätte sich für ihn alles wieder sortiert. Als würde er genau dort hingehören.

Ich blieb kurz stehen und tat so, als würde ich jemanden suchen. Dabei wusste ich genau, dass ich ihn längst gesehen hatte. Ich wollte mir selbst einen Moment geben. Ein paar Sekunden, um mich zusammenzureißen. Doch mein Blick wanderte immer wieder zu ihm zurück. Er lachte über etwas, das jemand gesagt hatte, und beugte sich leicht nach vorne. Diese kleine Bewegung traf mich mehr, als ich erwartet hatte. Sie war so vertraut. So typisch für ihn. Für einen Moment fühlte es sich an, als wäre nichts passiert.

Und genau das machte es so schwer. Er sah glücklich aus. Nicht dieses angestrengte Lächeln, das man sich aufsetzt, wenn man stark wirken will. Es war echt. Ruhig. Ungezwungen. Ich merkte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Weil ich genau in diesem Moment verstanden habe, dass er es geschafft hatte, weiterzugehen. Während ich noch immer festhing. Irgendwo zwischen Schuldgefühlen und diesem ständigen Gedanken daran, was gewesen wäre, wenn ich mich anders verhalten hätte. Ich stand einfach nur da und sah ihn an. Und je länger ich ihn beobachtete, desto klarer wurde mir, dass ich nicht einfach nur einen Menschen verloren hatte. Ich hatte ihn verloren, weil ich ihn nicht richtig behandelt habe.

Elias

Ich hatte ihn sofort erkannt, noch bevor ich ihn bewusst gesucht hatte, weil es manchmal gar keinen klaren Moment braucht, in dem man jemanden entdeckt, sondern eher dieses leise Gefühl, das plötzlich da ist und einem sagt, dass sich etwas im Raum verändert hat.

Als ich dann hinsah, wusste ich sofort, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Ich hatte mir in den letzten Wochen immer wieder eingeredet, dass ich vorbereitet wäre, dass ich genug Abstand gewonnen hatte, um ihm irgendwann wieder begegnen zu können. Doch genau in diesem Moment merkte ich, wie sich etwas in mir zusammenzog. Es war kein Schmerz, der mich überrollte, kein Chaos, das mich aus der Bahn warf, sondern etwas Ruhigeres, Tieferes, ein Gefühl, das mir zeigte, dass ich zwar weitergegangen bin, aber nicht alles einfach hinter mir gelassen hatte.

Ich blieb in meinem Gespräch, nickte an den richtigen Stellen und zwang mich dazu, präsent zu wirken, obwohl ein Teil meiner Aufmerksamkeit längst bei ihm war, weil ich spürte, dass ich ihn nicht einfach ignorieren konnte, egal wie sehr ich es versuchen wollte. Ich hatte geglaubt, dass Zeit vieles einfacher macht, dass Abstand automatisch bedeutet, dass Gefühle verschwinden, aber jetzt, wo er ein paar Meter entfernt stand, wurde mir klar, dass das nicht stimmt, weil manche Dinge nicht einfach weggehen, nur weil man sich entscheidet, weiterzugehen. Sie verändern sich, werden leiser, verlieren ihre Schärfe, aber sie bleiben da, irgendwo unter der Oberfläche, und genau das war es, was ich in diesem Moment spürte.

Ich atmete tief durch, versuchte, mich wieder zu sammeln, und wusste gleichzeitig, dass dieser Abend nicht einfach an mir vorbeigehen würde, weil es Begegnungen gibt, denen man nicht ausweichen kann, egal wie sehr man es sich vorher vornimmt. Und vielleicht war es auch genau das, was ich gebraucht habe.

Leon

Es war kein großer Moment. Kein dramatischer Augenblick. Nichts, das sich vorher angekündigt hätte. Er stand einfach plötzlich neben mir und sagte leise „Hi“. So ruhig, als wäre nichts passiert. Als hätten wir uns erst gestern gesehen und nicht seit Wochen kein Wort mehr miteinander gewechselt. Dieses eine Wort reichte aus. Alles, was ich mir vorher überlegt hatte, war weg. Die Sätze, die ich im Kopf geprobt hatte, passten nicht mehr. Sie fühlten sich falsch an in diesem Moment.

Ich antwortete ebenfalls mit einem leisen „Hi“. Für einen kurzen Augenblick standen wir einfach nur nebeneinander. Die Musik lief weiter. Menschen lachten. Alles um uns herum ging seinen ganz normalen Weg. Nur wir nicht. Als er mich fragte, wie es mir geht, merkte ich sofort, wie einfach es wäre zu lügen. Ich hätte „gut“ sagen können. So wie man es immer sagt. Kurz und wie immer gelogen. Aber ich wollte das nicht mehr. Ich konnte das nicht mehr. „Nicht gut“, sagte ich schließlich. Ich spürte, wie ehrlich sich das anfühlte. Ungewohnt. „Und das liegt nicht an dir. Sondern an mir.“

Ich atmete tief durch. Ich wusste, dass ich jetzt nicht wieder ausweichen durfte. Genau das hatte ich zu lange gemacht. „Ich hab dich scheiße behandelt, Elias“, sagte ich. Meine Stimme war ruhig. Klar. „Ich hab dich unter Druck gesetzt. Ich hab dich nicht ernst genommen. Und ich hab erwartet, dass du dich mir anpasst.“ Ich hielt kurz inne. Nicht, weil mir die Worte fehlten. Sondern weil sie endlich die richtigen waren.

Elias

Als er das sagte, sah ich ihn an und suchte in seinem Blick automatisch nach dem, was ich so lange gewohnt war, nach einer Ausrede, nach einem „aber“, nach diesem kleinen Versuch, die Dinge wieder ein Stück zu relativieren, um es für sich selbst leichter zu machen. Doch diesmal war da nichts davon.

Keine Rechtfertigung, kein Ausweichen, kein Zurückrudern, sondern einfach nur Ehrlichkeit, ruhig und direkt, so als hätte er endlich verstanden, worum es eigentlich ging. Ich merkte, wie sich etwas in mir veränderte, ganz leise und ohne großes Aufbrechen, eher wie ein Gefühl, das sich langsam sortiert und an seinen Platz findet, weil genau das das gewesen war, was mir so lange gefehlt hatte. Nicht perfekte Worte und auch keine großen Gesten, sondern das ehrliche Eingeständnis, dass etwas falsch gelaufen ist, ohne es kleiner zu machen oder zu verschieben. Und genau in diesem Moment wurde mir klar, dass sich etwas zwischen uns verändert hatte, nicht zurück zu dem, was es einmal war, sondern in eine Richtung, die sich anders anfühlte, ruhiger, ehrlicher und vielleicht genau deshalb gut.

Sie sprachen lange an diesem Abend, nicht nur über das, was passiert war, sondern auch darüber, wie es sich angefühlt hatte, in dieser Beziehung zu sein, über die Dinge, die wehgetan hatten, und die, die gefehlt hatten, und zum ersten Mal hatten beide das Gefühl, wirklich gehört zu werden, ohne sich verteidigen zu müssen. Als die Party langsam leiser wurde und die Menschen nach und nach gingen, blieb zwischen ihnen ein Gefühl zurück, das nicht mehr nur nach Abschied klang, sondern auch nach Möglichkeit. Leon sah ihn an, diesmal ohne auszuweichen. „Ich weiß, dass ich kein Recht habe, das zu fragen“, sagte er leise, „aber ich würde es gern nochmal versuchen. Nicht so wie früher. Anders. Besser. Und wenn du irgendwann merkst, dass es wieder falsch wird, dann gehst du, und ich halte dich nicht mehr fest.“

Elias schwieg einen Moment, weil er spürte, wie ernst es Leon war, und weil er sich selbst ernst nahm. „Dann probieren wir es“, sagte er schließlich ruhig, „aber nur, wenn wir beide ehrlich bleiben. Auch dann, wenn es unbequem wird.“ Leon nickte. Und diesmal war es kein Versprechen aus Angst, sondern aus Verständnis.

Zwei Monate später

Der Frühling hatte sich leise eingeschlichen, und mit ihm kam eine neue Leichtigkeit, die nicht laut war, sondern ruhig und echt, so wie etwas, das wachsen darf, ohne gedrängt zu werden. Sie hatten sich wiedergesehen, erst einmal, dann ein zweites Mal, und irgendwann wurde aus diesen Treffen eine bewusste Entscheidung, kein Zurückfallen in alte Muster, sondern ein gemeinsames Nach-vorne-Gehen.

Leon arbeitete an sich, jeden Tag, nicht perfekt, nicht fehlerfrei, aber ehrlich, und er begann, Elias wirklich zu sehen, ihn nicht mehr zu formen, nicht mehr zu fordern, sondern ihn zu respektieren, so wie er war. Elias hingegen blieb bei sich, setzte Grenzen, sprach Dinge aus, die früher unausgesprochen geblieben wären, und ließ gleichzeitig wieder Nähe zu, nicht blind, sondern bewusst.

Sie waren nicht wieder das, was sie einmal gewesen waren. Sie waren etwas Neues. Und vielleicht war genau das der Grund, warum es diesmal funktionieren konnte. Und als Ostern schließlich kam, fühlte es sich nicht mehr leer an, sondern ruhig, warm und richtig, weil sie beide wussten, dass sie sich nicht einfach wiedergefunden hatten, sondern sich ganz bewusst entschieden hatten, es noch einmal zu versuchen.